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24. April 2018

Lesung als Geschichtsunterricht

Am heutigen Dienstag konnte Manfred Nienaber für die Fachbereiche Geschichte/Erdkunde/Politik den Schauspieler Thomas Darchinger und den Musiker Wolfgang Lackerschmid in der Mensa der Marienschule zu einer außergewöhnlichen Lesung mit dem Titel "Das andere Leben" begrüßen.

Die beiden Künstler boten den Jugendlichen der Jahrgänge neun und zehn einen lebendigen Geschichtsunterricht, der als ein elementarer Baustein zum Erhalt und zur Weiterentwicklung unserer freiheitlichen Demokratie wichtig ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass in der jüngsten Vergangenheit sich wieder antisemitische Vorfälle häufen, dürfen wir die grausamen Verbrechen von Einst nicht in Vergessenheit geraten lassen. Der alltägliche Geschichtsunterricht kann nur bedingt diese Thematik aufgreifen und über die damalige Zeit berichten. Deshalb reist T. Darchinger zu Schulen im Lande, um intensiv aus Sicht eines Betroffenen zu berichten. Es geht dabei um den jungen Solly Ganor welcher - als Teenager im KZ inhaftiert - die Grauen des Holocaust aus dem Blickwinkel eines Jugendlichen schildert. Durch die Verbindung mit der auf das Geschehen exakt abgestimmten Musik von Wolfgang Lackerschmid am Vibraphon wird das gesprochene Wort noch intensiver erlebbar. Solly Ganor hat drei Jahrzehnte gebraucht, um die Ereignisse zu verarbeiten und zu dokumentieren.

Die Veranstaltung begann mit einem kurzen Filmausschnitt, in dem die Jugendlichen den litauischen Solly Ganor persönlich sehen und hören konnten. Er berichtete, wo er geboren und aufgewachsen war bis die Nationalsozialisten kamen und wie die Familie zunächst vier Jahre im Ghetto lebte bevor es dann in ein Konzentrationslager nahe der Stadt Danzig ging und von dort weiter nach Dachau. Dabei gab es die erste familiäre Trennung, denn nur sein Vater und er wurden in den Süden Deutschlands ins Außenlager 10 von Dachau deportiert. Dann endete der Film und Solly Ganor übergab seine Geschichte an Thomas Darchinger. Leise Musik am Vibraphon erklang während der Künstler aus den Aufzeichnungen des Mannes zu lesen begann.

Das Künstler-Duo nutzte Stimme und Musik, um die Heranwachsenden mit zu den verschiedenen Leidensstationen Ganors vom Ghetto über das Konzentrationslager bis hin zum Todesmarsch zu führen. Dabei konnten die SchülerInnen erkennen, dass die Gefühle des jungen Solly sich in einem Wechselbad befanden. Zu einem genoss er den Anblick der schönen Natur und nur Sekunden später sah er sich der Gewalt der Nationalsozialisten hilflos gegenüber. Er traute sich nicht zu fliehen, weil er befürchtete, dass sein Vater dafür bestraft werden würde, um den er sich ernsthaft Sorgen machte. Solly hatte doch der Mutter versprochen, sich um ihn zu kümmern.

Plötzlich erhob T. Darchinger bedrohlich die Stimme und die Schläge auf dem Vibraphon wurden sehr laut. An dieser Stelle sieht der Jugendliche erstmals wie eine ihm bekannte Person im Lager vom einem SS-Mann mit Kopfschuss getötet wird. Es war sein Ex-Lehrer. Solly selbst hatte Glück. Er freundete sich mit drei Jugendlichen an und konnte einen Posten in der Teeküche ergattern. Die Erinnerung an die guten Tage der Familie hielten ihn immer wieder am Leben. Eines Tages, als die Jugendlichen von einem nahegelegenen Gasthof Lebensmittel holten, fragte er die Wirtin nach einer Schachtel Zigaretten. Die Frau wollte nicht glauben, was Solly ihr über das Lager erzählte, doch sie unterstützte ihn. Mit 20 Zigaretten besorgte der Junge seinem Vater eine Stelle als Vorarbeiter. Immer wieder wurde Solly Zeuge, wie Menschen brutal getötet wurden oder an Lungenentzündung starben. Andere Juden berichteten von den Grausamkeiten des Arztes. Mengele, Gaskammern und weiteren Greueltaten.

Am 24. April 1945, also genau vor 73 Jahren, versammelten sich alle Gefangenen auf dem Appellplatz des Außenlagers, um in Richtung des Konzentrationslagers Dachau zu gehen. Der qualvolle Marsch dorthin war lang, die Temperaturen sehr niedrig und leichter Regen begleitete sie. In den Orten liefen Menschen auf die Straße und reichten ihnen Brot. Nachts beklauten sich die Häftlinge gegenseitig. Der Hunger war groß. Auf diesem Marsch verlor Solly dann seinen geschwächten Vater und musste ansehen, wie seine Freunde starben bzw. von einem Dobermann totgebissen wurden. Solly selber verlor zusehends den Lebensmut. Er überlebte aber und traf auf einen Jeep mit vier amerikanischen Soldaten, welche ihn mit den Worten „You are free“ begrüßten und ihm Schokolade anboten. Sie nahmen ihn mit und versorgen Solly in ihrer Feldküche. So wie er zunächst mit leichter Kost sich wieder an regelmäßige Nahrung gewöhnen musste, so musste er sich auch erst einmal langsam wieder in das Leben tasten.

Thomas Darchinger beendet seinen Vortrag mit den Worten, diese Geschichte hätte genauso auch euch passieren können, wenn ihr damals gelebt hättet. Damit sie sich aber nicht wiederholt, nutzt die Möglichkeiten, euch zu informieren und verlasst euch nicht nur auf eine Quelle. Boulevardmedien machen mit Geschichten Geschäfte. Entwickelt ein Gespür dafür, was richtig und falsch sein könnte und redet miteinander. Ein jeder Mensch ist anders und darf es auch sein. Die richtige Lösung ist die Vielfalt und nicht die Einfalt. Kümmert euch und erreicht so eine bessere Welt. „Jeder einzelne von Euch ist ein lebendiger Baustein der Demokratie in unserem Land“, lautet deshalb die These des Schauspielers. Nur wer Geschichte erspürt und verstanden hat, läuft nicht Gefahr, leichtfertig die gleichen Fehler zu machen.

Abschließend richtete Manfred Nienaber einen großen Dank an das Künstler-Duo, welches es geschafft hat, ein so wichtiges Thema aufzugreifen und zu kommunizieren.